Die Lösung liegt im System
Oder: Wie Coaching und Beratung Systeme unterstützen können, sich von sich selbst überraschen zu lassen
von Peter-Paul König, 31. Mai 2026
„
Die Lösung liegt im System“, wird in systemischen Kreisen häufig gesagt. Aber: Warum sollte eine Organisation oder eine beteiligte Person Coaching oder Beratung aufsuchen, wenn sie die Lösung doch in sich trägt? Niklas Luhmanns Hinweis „Ein Beobachter kann nicht sehen, was er nicht sehen kann“ eröffnet hier einen aufschlussreichen Zugang.
1. Die Lösung liegt im System – ein Praxisbeispiel aus der systemischen Beratung
Wie kann es sein, dass ein System und die beteiligten Beobachter die Lösung nicht sehen – und, wie Luhmann hinzufügt, auch nicht sehen können, dass sie nicht sehen können, was sie nicht sehen können?
Das lässt sich an einer Szene aus der Praxis illustrieren: Eine Studentin aus China steht nach ihrer erfolgreichen Masterprüfung vor der Frage, ob sie in Deutschland promovieren oder in ihre Heimat zurückkehren soll. Sie befürchtet, dass sie nach einer Promotion nicht mehr zurückkehren kann, andererseits aber in China in ein Leben gedrängt wird, das sie so nicht leben möchte.
Vielfältige Aufstellungen von Vor‑ und Nachteilen haben sie nicht weitergebracht. Also schlage ich vor, eine Münze zu werfen. Sie legt fest: Zahl steht für China, Adler für die Promotion in Deutschland. Ich werfe die Münze: Zahl – China. Ihre Gesichtszüge erstarren. Auf meinen Hinweis, man müsse die Münze ja +dreimal werfen, entspannt sie sich. Der zweite Wurf: wieder Zahl. Sie sitzt wie versteinert da.
Ihre Spannung löst sich erst, als ich darauf hinweise, dass so eine Münze gar nichts entscheiden kann – viel aufschlussreicher sei ihre Reaktion auf das Ergebnis gewesen.
2. Luhmanns Systemtheorie im Coaching: Warum Systeme ihre Lösungen nicht sehen
Die Intervention mit der Münze greift auf, was Luhmann als Korrekturmöglichkeit angesichts des Nicht‑Sehen‑Könnens von Systemen beschreibt: die Beobachtung des Beobachters.
Systemische Coaches und Berater:innen nehmen zunächst die Rolle von Beobachter:innen ein: Ausgehend von der Grundhaltung des Nicht‑Wissens und Nicht‑Verstehens (Manuel Barthelmess) nehmen sie wahr, was das System wahrnimmt (und was nicht) und wie es das, was es wahrnimmt, erklärt und bewertet.
Über Resonanzen, ihren „geschenkten Blick“ (Marlene Gross), über systemische Fragen, Sprachbilder und körperliche Impulse öffnen sie Räume, in denen nicht‑bewusste Wahrnehmungs‑ und Handlungsmuster sichtbar werden und bislang unsichtbare Lösungsansätze ans Licht treten. Oder sie geben Impulse, die es dem System ermöglichen, seine Intuitionen zu Bewusstsein zu bringen und sich so „von sich selbst überraschen zu lassen“.
3. Implizites Wissen im Coaching: Die drei Gedächtnisse nach Alica Ryba
In solchen Momenten wird greifbar, dass ein System weit mehr weiß, als ihm bewusst zugänglich ist. Alica Ryba beschreibt dieses Zusammenspiel mit ihrem Modell der drei Gedächtnisse: Während das deklarative Gedächtnis Argumente sammelt und das Verhaltensgedächtnis Routinen bereitstellt, reagiert das Körpergedächtnis direkter. In der Reaktion der Studentin wird genau dieses implizite Wissen sichtbar – eine Information, die ihr zuvor nicht zugänglich war und die sie nun in ihre Entscheidung einbeziehen kann.
4. Autopoiesis und blinde Flecken: Wie Systeme Wahrnehmung erzeugen
Dass ihr dieses Wissen nicht früher ins Bewusstsein tritt, lässt sich systemtheoretisch erklären: Niklas Luhmann beschreibt mit dem Konzept der Autopoiesis, dass ein System seine eigenen Elemente durch seine eigenen Operationen erzeugt – und damit auch seine Sichtweisen, Unterscheidungen, Relevanzen und blinden Flecken. Die Lösung liegt im System, aber sie ist in der Regel durch Routinen, Erwartungen und Wahrnehmungsmuster verdeckt und so – zunächst – unsichtbar.
5. Die Parabel vom Pferd – Fritz B. Simon und der Beitrag systemischer Beratung zur Veränderung
Abschließend eine eindrucksvolle Parabel zu Luhmanns Korrekturmöglichkeit, die Milton Erickson in seinen Lehrgeschichten erzählt: Ein Pferd ohne Brandzeichen verläuft sich auf den Hof von Ericksons Eltern. Erickson setzt sich auf das Pferd, bringt es zurück auf die Straße und lässt es dann selbst den Weg wählen. Er greift nur ein, wenn es die Straße verlässt.
So findet das Pferd schließlich zurück zu seinem Hof.
Auf die Frage des Bauern, woher er gewusst habe, dass das Pferd auf diesen Hof gehört, antwortet Erickson: Er habe es nicht gewusst – das Pferd habe es gewusst. Er habe nur dafür gesorgt, dass es auf dem Weg bleibt.
Fritz B. Simon greift diese Parabel auf und beschreibt die Parallele zur Beratungssituation:
„Sowohl psychische Systeme als auch soziale Systeme … können von außen nicht im Sinne einer gradlinigen Ursache‑Wirkungs‑Beziehung kontrolliert werden. Aber sie können sehr genau beobachtet werden, und es kann so mit ihnen kommuniziert werden, dass sie selbst an jeder Wegzweigung die Entscheidung treffen können, die sie den von ihnen selbst festgelegten Zielen näher bringen.“
6. Fazit: Was systemische Beratung sichtbar macht – und wie Coaching unterstützt
In der Reaktion auf den Wurf einer Münze und die Begleitung eines Pferdes wird erkennbar: Systeme tragen ihre Lösungen in sich, auch wenn diese ihnen oft zunächst nicht zugänglich ist. Coaching und Beratung bedeuten dann, Räume zu öffnen, in denen dieses innere Wissen hörbar, sichtbar oder spürbar ist, ins Bewusstsein tritt und damit für die weitere Entscheidungsfindung nutzbar wird.
Wer lernen möchte, solche Räume zu gestalten und die systemische Grundhaltung in der eigenen Praxis immer besser zu verankern, findet in einem Grundkurs „Systemische Beratung“ und einem Aufbaukurs „Coaching nach den Standards der DGfC“ sowie in thematischen Modulen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen beim arbeitskreis soziale bildung und beratung in Münster Gelegenheit.
Veranstaltungshinweise
Weiterbildung „Systemische Beratung“, Grundkurs, 5 x 2,5 Tage ab 03.12.2026
Aufbaukurs „Qualifizierung zum:zur Coach nach den Standards der DGfC“, 5 x 2,5 Tage ab 26.11.2026
Gewaltfreie Kommunikation in der Systemischen Beratung, 02.-04.07.2026
Konflikte & Systemische Beratung, 17.-19.09.2026
Yoga & Systemische Beratung, 05.-07.11.2026
FAQ – Systemtheorie, Systemische Beratung & Coaching
Was bedeutet „Die Lösung liegt im System“ in der systemischen Beratung?
Der Satz beschreibt die Annahme, dass Menschen und Organisationen bereits über die Ressourcen verfügen, die sie für Veränderungen brauchen. Systemische Beratung macht diese oft verdeckten Möglichkeiten sichtbar.
Warum erkennen Systeme ihre eigenen Lösungen nicht?
Systeme erzeugen ihre eigenen Routinen, Sichtweisen und blinden Flecken. Dadurch bleiben bestimmte Optionen unsichtbar. Durch die Beobachtung des Beobachters – etwa im Coaching – können verborgene Lösungswege erkennbar werden.
Wie funktioniert systemische Beratung in Orientierung an Luhmann?
Luhmanns Systemtheorie betont die „Beobachtung des Beobachters“. Coaching ermöglicht neue Wahrnehmungen und Perspektiven, ohne das System von außen zu steuern.
Was sind die drei Gedächtnisse nach Alica Ryba?
Ryba unterscheidet drei Gedächtnisformen:
- Erlebnisgedächtnis (deklarativ) – bewusstes, sprachlich zugängliches Wissen
- Verhaltensgedächtnis (prozedural) – Routinen und Muster
- Körpergedächtnis (emotional‑somatisch) – intuitive, körperliche Reaktionen
Wie hilft das Körpergedächtnis im Coaching?
Das Körpergedächtnis reagiert schneller als das bewusste Denken. Spontane körperliche oder emotionale Reaktionen machen implizites Wissen sichtbar, das für Entscheidungen wichtig ist.
Welche Rolle spielt Fritz B. Simon in der systemischen Beratung?
Simon verbindet systemische Theorie und Beratungspraxis auf eindrucksvolle Weise. Er beschreibt, wie Systeme Entscheidungen treffen, und begründet, warum sie nicht direkt steuerbar sind, sondern nur über Kommunikation begleitet werden können.
Was bedeutet Simons Parabel vom Pferd für Coaching und Beratung?
Die Parabel zeigt: Systeme wissen ihren Weg selbst. Beratung sorgt lediglich dafür, dass sie „auf dem Weg bleiben und an jeder Abzweigung selbst entscheiden können“ – ein Kernprinzip systemischer Arbeit.
Was bringt eine systemische Weiterbildung für die berufliche Praxis?
Sie stärkt Wahrnehmung, Haltung und die Fähigkeit, Veränderungsprozesse professionell zu begleiten – in Beratung, Coaching, Personalentwicklung, Führung, Pädagogik, Sozialer Arbeit.
Wo kann ich systemische Beratung und Coaching lernen?
Der arbeitskreis soziale bildung und beratung in Münster bietet einen Grundkurs „Systemische Beratung“, einen Aufbaukurs „Coaching nach den Standards der DGfC“ sowie thematische Module mit unterschiedlichen Schwerpunkten an.